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„Fahrräder sind das neue Klopapier“

So betitelte kürzlich „The Guardian“ einen Bericht aus Sydney über den Boom im Fahrradhandel während der Coronakrise. Der Drang nach Bewegung und die Angst vor Ansteckung im ÖPNV bringe die Veloverkäufer des fünften Kontinents zum Jubeln. Der Umsatz steige teils auf das Vierfache. Christian hat sich bei drei unserer Unterstützer einmal umgehört.

Mein erstes Ziel ist Fahrrad XXL Feld in St. Augustin. Schon als ich mich dem auf freiem Feld gigantisch wirkenden Gebäude nähere, fallen mir die Menschenmassen vor dem Haupteingang auf. Angetan mit Masken und in Corona-korrektem Abstand warten sie, auf mehrere Schlangen verteilt geduldig auf den Einlass.

Cathérine Feld, zuständig u. a. für Fashion und Marketing im größten Fahrradgeschäft der Region, erläutert mir das Einlasssystem, durch das Abstand gewahrt werden soll. Auf der Freifläche wurden Wartelinien für Warengruppen markiert. „Ja, der Andrang ist groß. Es deutete sich schon während des Shutdowns an. Der Online-Verkauf von Rädern nahm in der Zeit, in der das Geschäft geschlossen war, stark zu. Auch am Telefon bestellten die Kunden. Mit der Wiedereröffnung am 20.4. stand dem Saisonstart dann nichts mehr im Wege. In der ersten Woche wurden wir überrannt,“ berichtet sie.

Cathérine Feld berichtet von einem Ansturm gerade auch auf E-Bikes

„Der absolute Renner sind E-Bikes, die von immer jüngeren Menschen gekauft werden“ und weist auf die Schlange für eine E-Bike-Beratung hin: „Sie ist in der Tat immer die Längste.“ Auf die Frage, wie sie sich den Boom erkläre, meint Cathérine Feld ganz ähnlich wie ihre Antipoden: „Zum einen besteht wohl ein gewisser Nachholbedarf und der Wunsch nach der Mobilität mit einem der aktuell sichersten Verkehrsmittel.“ Zum anderen würden viele Menschen jetzt ihren Urlaub für dieses Jahr umplanen. Da eine Reise ins Ausland nicht möglich sei, würde das Geld in Fahrräder und den umsetzbaren Fahrradurlaub in Deutschland investiert. Auf meine Frage hin bestätigt sie mir, dass sich der Umsatz pro Kunde erheblich erhöht habe, vor allem durch die starke Nachfrage nach hochwertigen E-Bikes.

Keine Schlangen sehe ich wenig später vor dem Geschäft von e-motion technologies im Lievelingsweg im Bonner Norden. „Auch bei uns begann es schon während des Shutdowns“, meint Inhaber Thomas Busch, nachdem er meine Frage nach einem Umsatzplus nur mit einem bedeutungsvollen Nicken beantwortet. „Teils haben wir nach der telefonischen Beratung unsere Pedelecs zu einem Parkplatz gebracht, wo die Kunden bei einer Probefahrt die finale Entscheidung getroffen haben.“ Seit der Wiedereröffnung werden nur noch feste Beratungstermine vergeben. „Das ist sowohl für uns als auch die Kunden wesentlich entspannter.“ Und natürlich auch sicherer, da der Andrang gering ist. „Inzwischen kaufen alle Altersgruppen E-Bikes. Natürlich gibt es das Rentnerehepaar und die best-ager, die Rad fahren möchten und sich nicht mehr so fit fühlen.“ Andererseits sieht er jetzt auch viele Jüngere, die anfangen, mit elektrischer Unterstützung zur Arbeit zu pendeln und sich am Wochenende aufs Renn- oder Mountainbike setzen.

Als ich ihn frage, ob der Trend anhalten wird, gibt er sich zurückhaltend: „Jetzt verkaufen wir sehr viel, was neben der Corona-Krise zum Teil auch der Jahreszeit geschuldet ist. Allerdings wird in zwei bis drei Monaten die Corona-bedingte Wirtschaftskrise bei den Kunden ankommen. Dann gehen sicher auch die Käufe zurück.“

Auch Thomas Busch teilt die Ansicht, dass der Wunsch nach körperlicher Aktivität Anlass für den Kauf ist. „Fitnessstudios, Sportplätze und Schwimmbäder sind geschlossen. Was bleibt da noch?“

Was mich für den Radentscheid interessiert: Werden denn die Fahrräder und e-Bikes auch gefahren? Hierzu kann Thomas Busch mir konkret antworten: „80 Prozent der Fahrzeuge, die wir verkaufen, werden intensivst genutzt. Das sehen wir an den Kilometerzahlen, wenn sie zur Inspektion zurückkommen. Oder die Kunden kommen nach einiger Zeit und fragen nach besseren Sätteln, weil der Hintern….“

Johannes Roth verkauft in seinem Laden Klingeling Gebrauchträder

Das bekommt auch Johannes Roth zu spüren, der den beliebten Gebrauchtfahrradladen „Klingeling“ in der Franziskanerstraße nah bei der Universität führt. „Kommen Sie bitte nächste Woche wieder,“ enttäuscht er einen älteren Herrn, der ihm sein Rad mit einem knarzendem Tretlager vorführt. “ Heute werde ich noch Überstunden machen müssen, um alle schon zugesagten Reparaturtermine zu erfüllen“

Verschleiß ist ein zuverlässiger Indikator für den Grad der Fahrradnutzung. Und natürlich teilt Johannes Roth die Erfahrungen von Cathérine Feld und Thomas Busch. Da er mit gebrauchten Rädern eine weniger kaufkräftige Kundschaft anspricht, spürt er den Boom eher in diesem Bereich.

2 Kommentare

  • Richard F. Wagner sagt:

    Leider geht dieser Boom zu Lasten des ÖPNV und nicht des Autoverkehrs. Zu hoffen ist, dass durch die neue Menge an Fahrrädern und Fahrradfahrer*innen in Deutschland 🇩🇪 ein gesellschaftlicher und politischer Druck entsteht, endlich eine vernünftige und sichere Infrastruktur für Fahrradverkehr zu schaffen – wie in Niederlande 🇳🇱 . Das geht nur durch Umverteilung des öffentlichen Straßenraums zulasten der Autos.

  • Herbert Dauben sagt:

    Solange die Mehrheit des Bonner Rates immer nur die Vorstellungen der IHK und des Einzelhandelsverbands als Messlatte für die Gestaltung des öffentlichen Verkehrs in Bonn ansieht, wird sich da schwerlich etwas ändern. Ich setze auf den Radentscheid und vor allem auf die anstehenden Wahlen. Zeigen wir doch hier den ewig Gestrigen die rote Karte! Zukunft für eine lebenswerte Stadt geht halt nur mit ausreichend Platz für Fußgänger, Radfahrer und einen funktionierenden ÖPNV.
    PS: Am Pfingstmontag sammeln die Naturfreunde Bonn an ihrem Garten in Beuel, Bergheimer Straße von 14:00 bis 16:00 auch Unterschriften für den Radentscheid!

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