Kommentar

Wir sollten unseren Kindern keine (Bord-)Steine in den Weg legen!

Kinder bis 8 Jahre müssen laut deutscher Straßenverkehrsordnung (STVO) auf dem Bürgersteig radfahren. Die einzige Ausnahme dieser Regel sind baulich getrennte Radfahrspuren. Bis 10 Jahre dürfen sie auf dem Gehweg fahren. Jeweils ein Elternteil pro radelndes Kind darf als Begleitung ebenfalls auf dem Gehweg fahren. Damit diese Mischnutzung nicht zu Problemen führt, braucht es eine gute Infrastruktur. Die Gehwege sind aber häufig schon für den Fußverkehr zu schmal. Sie sind häufig zugeparkt oder nicht durchgängig.

Gehwege sind wertvolle öffentliche Räume für die Stadtgesellschaft. Sie sind neben Verkehrsraum für den Fußverkehr und den Kinder- und Grundschulverkehr auch Orte der Begegnung und des Austauschs der Bürger:innen. Damit ein Bürgersteig seine soziale Funktion als Ort der Kommunikation der Bürger einer Stadt erfüllen kann, muss er ein komfortables Nebeneinandergehen von mind. zwei Menschen ermöglichen. Nur ein solcher Gehweg hat den Namen Bürgersteig wirklich verdient. Gespräche und Austausch im öffentlichen Raum sind nur möglich, wenn man dafür auch ausreichend Platz zur Verfügung stellt. Mit dem Radentscheid Bonn ist daher im Regelfall eine Breite von 2,5m und eine Trennung vom Radweg beschlossen worden. Bei einer getrennten und geschützten Infrastruktur bestehen das geringste Konfliktpotential und die sicherste und auch kinderfreundlichste Möglichkeit der Fortbewegung für alle. In schmaleren Straßenzügen, wie bei Erschließungsstraßen in Wohngebieten, wird der Radverkehr regelhaft auf der Fahrbahn geführt und Kinder müssen dennoch auf dem Gehweg radeln. Dieser ist aber häufig zu schmal, sowohl für Zufußgehende als auch für Familien auf Fahrrädern. Viel zu häufig sieht man in Bonn dann Familien beim Spaziergang, wie sie auf zu engen Gehwegen zu „Gänsemärschen“ durch ihr Wohngebiet gezwungen werden. Weder Nebeneinandergehen noch Überholen von z.B. Laufrad fahrenden Kids ist möglich. Die schmalen Bürgersteige sind häufig von parkenden Kraftfahrzeugen blockiert. Geneigtes Parken auf dem Hochbord ermöglicht komfortables Fahren für Autos auf der dadurch breiteren und menschenleeren Fahrbahn. Für Zufußgehende und Kinder auf Rädern bedeutet es allerdings einen Spießrutenlauf auf den verbliebenen Zentimetern Gehweg.

An Kreuzungen und Einmündungen wartet dann das nächste Problem: Die Gehwege sind nicht durchgängig. An fast jeder Einmündung endet der Gehweg am Bordstein. Die Fahrbahn muss gequert und auf der anderen Seite wartet erneut ein Bordstein als Barriere. Im Glücksfall ist der Bordstein abgesenkt. Die Regelhöhe für abgesenkte Bordsteine beträgt aber immer noch 3 cm. Eine solche 3 cm-Schwelle für ein 12-Zoll-Kinderrad entspricht im Verhältnis einem 7 cm Hindernis (also fast einer kompletten Bordsteinkante) für ein 28-Zoll-Erwachsenenrad. Das würden Erwachsene niemals tolerieren. Den Kindern muten wir solche Barrieren allerdings, wie selbstverständlich zu.

Ein Kind versucht mit seinem Laufrad über einen hohen Boardstein auf den Gehweg zu kommen
Bordsteine sind für kleine Kinder große Barrieren und können Stolperfallen sein.

Häufig angeführter Grund für diese 3 cm-Barriere ist die Notwendigkeit der Ertastbarkeit dieser Schwelle für Menschen mit Sehbehinderung mit einem Langstock. Aus unseren Gesprächen mit Vertretern des Blinden- und Sehbehindertenvereins wissen wir aber auch, dass Blindenleitsysteme und Aufmerksamkeitsfelder in Form von Rillen und Noppen in der Pflasterung, wie sie an vielen Stellen, auch in Bonn, bereits verwendet und gebaut werden, diese Funktion suffizient übernehmen können, sodass eine solche Schwelle nicht an jeder Stelle zwingend notwendig ist. Nullabsenkungen des Bordsteins vermeiden die Stolpergefahr und erleichtern sowohl die Mobilität von Kindern, als auch von Menschen mit Gehbehinderung. Noch besser sind niveaugleiche Einmündungen, wie sie im Radentscheid Bonn beschlossen wurden. Diese ermöglichen insbesondere an Vorfahrtsstraßen eine echte Durchgängigkeit des Geh- und Radwegs und somit eine wirkliche Repräsentation des Vorrechts des querenden Fuß- und Radverkehrs qua Design und somit intuitiv verständlich für alle.

Die Graifk zeigt einen niveaugleichen Radweg neben einem niveaugleichen Gehweg. Autos, die in die Seitenstraße einbiegen wollen, müssen eine geringe Steigung auffahren
Niveaugleicher Fuß- und Radweg. Timm Schwendy – Darmstadtfaehrtrad.org

„Bordstein – Bremse rein!“ Manch einer kennt diesen Merkspruch aus der Verkehrserziehung im Kindergarten oder der Grundschule. Er soll Kinder davor bewahren, ohne zu schauen die Fahrbahn zu betreten. Wegen der häufig eingeschränkten Sicht auf die Fahrbahn aufgrund von parkenden Autos müssen sich allerdings Kinder und Menschen in Rollstühlen schon auf die Fahrbahn vorwagen um überhaupt nach links und rechts schauen zu können. Vorgezogene Gehwegnasen (s.g. Kaps) können an Einmündungen die Übersicht für Fußgänger:innen und Kinder verbessern und gleichzeitig durch Verringerung des Abbiegeradius den abbiegenden motorisierten Verkehr bremsen. Für eine wirkliche sichere Querung sollte der Bordstein als Bremse im Idealfall nicht für den Kinder- und Fußverkehr, sondern für den gefährdenden motorisierten Verkehr auf die Fahrbahn verlegt werden, um diesen effektiv abzubremsen. Sinussteine und Aufpflasterungen können technische Lösungen für eine solche Veränderung des Straßendesigns für so entstehende niveaugleiche Querungen für den Rad- und Fußverkehr sein. Einzelne Beispiele für annähernd niveaugleiche Einmündungen oder Querungen gibt es bereits in Bonn (z.B. im Neubaugebiet „Am Hölder“ in Röttgen oder an der Heussallee in Gronau). Ein allgemeingültiger Standard als klares Bekenntnis der Stadt für solch ein menschenfreundliches Einmündungsdesign gibt es allerdings nicht und wäre dringend nötig um die Wende von einer autozentrierten zu einer menschenzentrierten Stadtplanung zu schaffen.

Die lebenswerte Stadt ist unser aller Ziel. Hierzu braucht Bonn eine menschen- und kinderfreundliche Infrastruktur. Kinder können dazu motiviert werden, gemeinsam mit der Freundin oder dem Freund mit dem Roller zur Schule zu rollern, wenn dies nebeneinander mit der Möglichkeit zu quatschen möglich ist, ohne dass parkende Autos den Weg einengen. Viele Elterntaxis könnten gespart werden. Weniger Eltern würden auf dem Gehweg mitradeln müssen, wenn der Gehweg durchgängig wäre und sie ihre Kinder gut auf der parallelen Fahrbahn begleiten können, ohne an jeder Einmündung anhalten zu müssen und aufgrund von Stolpersteinen wieder beim Aufsteigen helfen zu müssen. Viele schwere Unfälle an Einmündungen können verhindert werden, wenn das Straßendesign eine Reduktion der Geschwindigkeit des gefährdenden motorisierten Verkehrs und beste Blickbeziehungen von allen Verkehrsteilnehmenden bedingt. Ein klares Bekenntnis zu einem menschenfreundlichen Gehwegdesign als Standard für die Stadtplanung in Bonn hat also viel Potential für eine lebenswerte Stadt. Damit Kinder, aber auch Erwachsene, sicher zu Fuß oder mit dem Rad ihre Stadt erkunden können, dürfen wir ihnen keine Steine in den Weg legen. Wir müssen ihnen den Weg ebnen.

Eine gute Möglichkeit für eine kinderfreundliche Infrastruktur und ein lebenswerte Stadt zu demonstrieren, ist die bundesweit stattfindende KIDICAL MASS am Samstag, dem 18.09.21, in Bonn um 15 Uhr ab Hofgarten. Mehr Infos dazu gibt’s bei uns unter kidical mass und unter kinderaufsrad.org.

Fotos (soweit nicht anders gekennzeichnet): Dominik Heling (CC-BY-SA)

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