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Verkehrswende im Kinderzimmer

Wer unserem Nachwuchs im Kinderzimmer beim Spielen zuschaut, verliert schnell den Glauben an eine Verkehrswende. Auf Spielteppichen mit breiten Autostraßen werden überdimensionierte Parkhäuser mit Sportwagen und bulligen LKWs bespielt. Die dabei erzeugten Geräusche wechseln zwischen lippenflatterndem Brummen und metallischem Scheppern. Die Größeren ergänzen den Fuhrpark gerne mit ferngesteuerten Varianten und als Inbegriff einer guten Vater-Sohn-Beziehung gilt wieder das gemeinsame Rennen auf der Carrerabahn. Spielzeugfahrräder sucht man vergebens.

von Dominik Heling

Im Kinderzimmer herrscht die absolute Dominanz des motorisierten Individualverkehrs. Dabei würden Kinder und Familien besonders von der Verkehrswende profitieren, weshalb sich der Radentscheid Bonn auch speziell für eine kindergerechte Infrastruktur einsetzt. Natürlich macht es Spaß mit den kleinen Autos durchs Zimmer zu zischen und diesen Spaß braucht man niemandem vorzuenthalten. Dennoch wird immer nur die eine Geschichte erzählt: Die Geschichte von großen Motoren und großem Getöse.

Es gibt aber noch ganz andere große Mobilitätsgeschichten. Auch die muss man erzählen. Man mag pragmatisch argumentieren, vierrädrige Spielzeuge bewegen sich eben stabiler und eignen sich daher einfach besser zum Spiel. Die Vielzahl an vorhandenen Motorradmodellen widerspricht allerdings der Vermutung, dass einzig die Vierrädrigkeit Erklärung für die Fülle an motorisierten Spielzeugmodellen sei. Fehlt es einfach an einem Angebot an klimabewussteren Spielmöglichkeiten?

Eine Recherche bei den Spielzeugherstellern zeichnet ein differenziertes Bild. Die Kategorie Spielteppichen wird dominiert von klassischen anonymen Straßenlandschaften aus dem Möbelhaus. Fahle Farben, gewöhnliche Autostraßen und langweilige Stadtbebauung. Eine bemerkenswerte Ausnahme stellen die nachhaltigen Spielteppiche von „Heimatpiste“ dar, auf denen detailreich jeweils eine deutsche Metropole dargestellt ist. Die „Berlin“-Variante des Spielteppichs stellt sogar der Fahrradparcours im Tempelhofer Feld dar, was diesen Teppich als einzigen Spielteppich mit exklusiven Fahrradwegen ausweist. Leider gibt es allerdings noch keine „Bonn“-Variante.

Bei den Fuhrpark-Herstellern gibt es einzelne Fahrradmodelle – allerdings häufig nur versteckt hinter einem riesigen Berg protziger Rennautos, großdimensionierter Straßenbauspezialfahrzeuge und möglichst laut tönenden Polizei- und Feuerwehrfahrzeugen.

Die englische Marke Matchbox, als Synonym für kleine Spielmodelle, bietet quasi ausschließlich Modelle von motorisierten Fahrzeugen an. Kein Fahrrad weit und breit. Genauso verhält es sich bei Siku, dem Konkurrenten aus Lüdenscheid. Nicht ein einziges Fahrrad im Angebot. Vielleicht ist den Lüdenscheidern, deren Stadt beim Fahrradklimatest des ADFC in ihrer Kategorie das Schlusslicht bildet, gar nicht bewusst, dass auf den Straßen außer Autos und LKWs noch andere Fahrzeuge unterwegs sein können.

Verkehrswende auf dem Spielteppich (?)

Playmobil scheint hingegen keine reine Erwachsenenwelt abbilden zu wollen, sondern versucht mit seinen, bereits in den 80er Jahren eingeführten, Kinderfiguren auch eine Kinderwelt entstehen zu lassen. Dennoch dominiert auch hier weitgehend das Kraftfahrzeug. Im Sortiment „City Life“ und „Family Fun“ finden sich aber auch Fahrradmodelle: Ein Familienfahrrad, ein Fahrradanhänger, ein Postfahrrad, ein Lastenrad samt Eisverkäufer und sogar ein Kind mit einem Laufrad. Von Lego aus dem fahrradfreundlichen Dänemark würde man sich eigentlich auch ein deutlicheres Bekenntnis zum Zweirad wünschen. Hier findet sich das kleine Lego-Fahrrad allerdings hauptsächlich als Beigabe z.B. zum „Familienhaus“ oder zum „Camping“.

Als reines Modeaccessoire in pink und rosa erscheint das Fahrrad bei Barbie des US-Herstellers Mattel. In einer Variante bemerkenswerterweise mit Fahrradtrailer und Kind. Im weiteren Angebot von Mattel bilden dann die „Hotwheels“ mit Rennautos, Monstertrucks und Motorrädern den wohl krassesten Gegensatz zu einer klimagerechten Mobilität: Große Motoren zum reinen Spaß.

Es liegt an uns, wie wir die Kinderzimmer mitgestalten wollen. Ob wir unseren Kindern dort die Welt, wie sie ist zeigen, oder die, die sie sein kann. Mit etwas Fantasie und ein paar Spielzeugfahrrädern können wir gemeinsam mit unseren Kindern ein Modell einer lebenswerten, kinderfreundlichen und klimagerechten Stadt entstehen lassen.

In unserem Kreativwettbewerb #Straßekunterbunt können alle Kinder und Jugendlichen zwischen 6 und 15 Jahren uns auch Ihre Vision einer kindergerechten Stadt zuschicken und tolle Preise sowohl für die Straße, als auch fürs Kinderzimmer gewinnen!

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