Radentscheid

Ein Jahr Radentscheid Bonn

Vielleicht macht es ein Bild am besten anschaulich, was wir im ersten Jahr nach Annahme des Radentscheids am 04.02.21 erlebt haben: Beim Radfahren ist das Anfahren immer ein Moment, der besonders viel Kraft braucht. Wir haben das Gefühl, die Umsetzung des Radentscheids ist ein Anfahren am Berg und teilweise sogar mit Gepäck im Anhänger. Denn tatsächlich liegt nach dem Beschluss des Rats, die Forderungen des Radentscheids umzusetzen, ein Berg Arbeit vor den Beteiligten.

Wer jemals gedacht haben sollte, es steht ein:e trainierte:r Athlet:in bereit, auf dieses Rad zu springen und mit kontinuierlichen 300 Watt den Pass hoch zu pedalieren, der liegt leider falsch. Auch geht es nicht um ein Einzelzeitfahren, sondern auf der Strecke wird ein Team gebraucht, das sich gegenseitig zieht und Windschatten gibt.

Um es kurz zu machen: Das Rad steht noch am Start. Es gibt noch keine sichtbaren Ergebnisse zu den Forderungen des Radentscheids, wenn man einige neue Abstellbügel ausnimmt, noch keine aktualisierte Netzplanung, kein Kilometer neuer Radweg nach Radentscheid-Standards, kein radfreundlicher Umbau einer Kreuzung und kaum ein Ansatz für ein besseres Einmündungsdesign. Das Rennen 2021 ist durch. Das Bonner Team war nicht gemeldet.

Ein Schild hängt vor dem Bonner Stadthaus. Darauf steht: Rad. Bike. Velo. Bonn
Ein Jahr nach der Annahme des Radentscheids durch den Stadtrat steht noch viel Arbeit an.

Ungünstigerweise sind aber auch die lang geplanten Ausfahrten mit dem Rad ins Stocken geraten. In der Rheinaue sind die Zuschauer:innen auf die Strecke gegangen und haben auch die gemütliche RadTouristikFahrt ausgebremst. Da hieß es erstmal absteigen, die Rechtmäßigkeit der Tour nachzuweisen und zu argumentieren. Das Thema ist emotional und die Widerstände tauchen auf, wenn die Veränderung konkret wird. Es wird wohl so bald keine Tour de Bonn mit jubelnden Fans am Rand des Radwegs werden. Denn viele verstehen noch nicht, welchen Nutzen die Erweiterung der Mobilität für den Lebensraum Stadt und eine lebendige Innenstadt haben wird. Es stehen zu viele Autos herum, um sich vorstellen zu können, wie durchlässig und menschenfreundlich unsere Stadt sein könnte.

Aber Optimismus und Motivation sind noch nicht verflogen. Vielmehr sehen wir, dass der Vereinsvorstand die sportliche Leitung neu geordnet hat, das Teambudget erhöht und auf dem Fahrer:innenmarkt aktiv auf der Suche ist. Eine Basis für das Team ist im Stadthaus schon aktiv und die Motivation ist da. Die Umsetzungsstrategie wird gerade festgezurrt. Erst kürzlich hat die OB sich selbst neben den Radweg gestellt und gezeigt, wie wichtig ihr die Mobilitätswende ist. Mit der neuen Leitung des Programmbüros Mobilität und ersten Besetzungen der neuen Stellen im Stadtplanungs- und Tiefbauamt gibt es Verstärkung. Realität ist aber, dass es zu wenige, qualifizierte Bewerber:innen für die neu geschaffenen Stellen gibt. Die notwendige Verstärkung wird nicht nur von außen kommen können.

Realität ist auch, dass das Radprogramm nur eine Sparte des Vereins in unserem Vergleich ist. Die Tradition liegt eher bei anderen Sportarten. Und das Umdenken fällt schwer. Wir spielen auch in anderen Disziplinen nicht um die Meisterschale. Können wir dann Kraft abziehen, um die neue Sportart zu stärken? Erlebt haben wir, dass es etliche Monate gedauert hat, bis klar geworden ist, dass jetzt koordiniertes Handeln nötig ist. Erst seit September gibt es ein regelmäßiges Abstimmungstreffen zwischen der Verwaltung und dem Radentscheid. Oft taucht das Argument auf, dass zu viel zu tun ist, um das vom Rat der Stadt Beschlossene in die Tat umzusetzen. Das mag stimmen, umso mehr fehlt uns die Priorisierung innerhalb der Verwaltung über alle Dezernate hinweg.

Für Februar 22 stehen die ersten Termine für gemeinsame Arbeitstreffen zu Standards für Radinfrastruktur und die Planung eines durchgängigen Radwegenetzes entsprechend den Bestimmungen des Radentscheids an. Damit wird es konkret. Laut Aussagen der Stadt sollen ab jetzt bei allen Planungen für Neubau oder Ertüchtigung von Verkehrswegen die Anforderungen aus dem Beschluss des Radentscheids berücksichtigt werden. Protected Bike Lanes, eine neue Situation auf der Oxfordstraße und eine Verbesserung am zentralen Bonner Rheinufer für Radfahrende und Fußgänger:innen sollen bald sichtbar werden. Bonn steigt auf und tritt in die Pedale.

Häufig kann man mit kleinen Dingen große Wirkung erzielen. Große Veränderungen wie der Umbau von Kreuzungen erfordern mehr Planung. (Visualisierung: Dominik Heling / Pascua Theus)

Das alles soll nicht darüber hinwegtäuschen, dass wir mit dem Erreichten nicht zufrieden sein können. Wir sind es nicht und wir werden auch weiterhin nicht müde, unsere Forderungen zu verfolgen. Das aktive Radentscheid-Team sieht sich als Vertreter der Interessen von weit mehr als 20.000 Bonner:innen, die im erfolgreichsten Bürgerbegehren der Bonner Geschichte für unsere gemeinsamen Ziele unterschrieben haben. Wir werden ausdauernd und zielstrebig bleiben, hoffen auf weiteren Rückhalt und einen Stadtrat sowie Bezirksvertretungen, die auf dem Weg nicht absteigen und zurückschieben.

Im Laufe des Jahres sind weitere Unterstützer:innen zu uns gestoßen. Wir können uns jetzt mehr engagieren, unsere Ideen und Anregungen besser ausarbeiten  und werden mit ähnlichen Aktionen wie zum Beispiel unserer Ampelaktion in der Rheinaue und den temporären Protected Bike Lanes auch in Zukunft auf die Belange der Radfahrenden und Fußgänger:innen aufmerksam machen. Jeder ist bei uns willkommen, der sich für den Radentscheid einbringen will.

Das siebte Ziel des Radentscheids ist eine transparente Umsetzung mit einem jährlichen Sachstandsbericht. Unseren Beitrag hierzu wollen wir hiermit in aller Kürze vorlegen und sind gespannt, wie die Stadt ihrerseits dieses Ziel umsetzen wird.

Und um den Kritiker:innen direkt den Wind aus den Segeln zu nehmen, erlauben wir uns einen Disclaimer zum Schluss. Auch wenn wir unseren Jahresbericht in das Bild eines Radteams verpackt haben, geht es uns in allem zuerst um die Alltags- und Freizeitfahrer:innen sowie um die Fußgänger:innen in unserer Stadt. Diese Mobilitätsformen sind bei weitem die umweltfreundlichsten und wichtig für unsere Zukunft. Wir setzen uns nicht für Radfahrende ein, die rücksichtslos unterwegs sind. Aber von denen gibt es wenige. Radfahrende werden nicht schneller, wenn die Strecke breiter wird. Da fehlt einfach das Gaspedal. Wir stehen weiter für eine sachliche Diskussion und wünschen uns diese auch von allen Kritikern, um unsere Stadt gemeinsam voranzubringen. 

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