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Rennen wir mit dem Radentscheid bei der Stadt Bonn offene Türen ein?

Verfolgt man die öffentliche Diskussion, scheint es beim Thema Mobilität oft um den Interessenskonflikt zwischen Autofahrern, Radlern und Fußgängern zu gehen. Der Cityring ist ein aktuelles Beispiel, wie hier polarisiert wird (gut, es ist Wahlkampf). Schaut man aber in die Ratsbeschlüsse und Projektunterlagen der Stadt, finden sich viele Pläne und Projekte, die in ähnliche Richtung wie unser Bürgerbegehren gehen. Es gibt Mitarbeiter in der Verwaltung, die ihren Fokus auf Radverkehr, Mobilitätsplanung, Seilbahn und Fahrradverleih setzen. Rennen wir mit unseren Forderungen also offene Türen ein?

Ein Beispiel: Im Projekt „Emissionsfreie Innenstadt“, das vom Land NRW und der Europäischen Union gefördert wird, plant die Stadt in den kommenden zwei Jahren Mobilstationen zu errichten. Sie umfassen sichere Abstellplätze für Fahrräder von Fahrradbügeln über -boxen bis hin zu -parkhäusern, Ladeinfrastruktur für E-Bikes und Elektroautos, Verknüpfungen mit dem ÖPNV und sogar den Verleih von Lastenfahrrädern. In den nächsten zwei Jahren sollen 36 solcher Stationen gebaut werden. Gleichzeitig umfasst das Programm den Bau von über 5 km Radschnellwegen entlang des Rheins und den Ausbau der Pendlerroute von Bornheim nach Bonn.

Warum sammeln wir dann noch Unterschriften für mehr Fahrradstellplätze und den Neu- und Ausbau von Radwegen? Der Unterschied liegt in der Dimension. Wir treten ein für jährlich 15 km neue Radwege und -straßen und für den Bau von 3.000 neuen, sicheren Abstellmöglichkeiten für Räder jedes Jahr. Sind wir größenwahnsinnig?

2010 hatte der Rat der Stadt Bonn den Plan, bis 2020 Fahrradhauptstadt zu werden. Der Radverkehrsanteil sollte auf 25% vergrößert werden. Kernstück war das Fahrradstraßenkonzept aus dem Jahr 2012. Es umfasste fast 52 km, mit 107 neu einzurichtenden Fahrradstraßen in den Bonner Stadtbezirken. Etliches davon wurde umgesetzt. Allerdings fehlt den Fahrradstraßen an vielen Stellen die vom ADFC empfohlene Vorfahrt gegenüber den einmündenden Straßen. Zudem sind viele Straßen schmal und oft wird beidseitig geparkt. Von dem besonders gleichmäßigen Verkehrsfluss und der hohen Reisegeschwindigkeit des Radverkehrs, die in der Empfehlung für Radverkehrsanlagen des Bundesamtes für Straßenwesen als Ziel gesehen wird, sind wir an vielen Stellen weit entfernt.

Daher ist unser Ansatz, auf den Bau neuer Radwege zu setzen, der richtige. Schaut man in die Städte, die eine wirkliche Verkehrswende zu Gunsten des Fahrrads umgesetzt haben oder auch nur einfach zu unseren niederländischen Nachbar:innen, sieht man, dass Radfahren erst dann richtig funktioniert, wenn der Radverkehr langfristig geplant wird. Das Fahrrad braucht durchgängige Routen. Diese machen Radfahren besonders attraktiv, wenn sie abseits des Verkehrslärms und mit möglichst wenigen (Ampel-) Kreuzungen geplant werden. Da in unseren Städten die Haupt-Autorouten oft die direkteste Verbindung schaffen, muss auch bei jeder neu gebauten oder überarbeiteten Straße Autoverkehr, ÖPNV, Radstrecke und Fußgängerwege gleichberechtigt berücksichtigt werden.

Auch in diesem Punkt ist die Stadt nicht wirklich anderer Meinung. In der Ratsitzung vom 04.07.2019 wurde beschlossen, eine „Verkehrskonzeption zur Reduzierung der Verkehrsemissionen“ zu erarbeiten. Bis 2030 soll eine Modalsplit von 75% (!) Umweltverbund (Fuß, Rad, ÖPNV) zu maximal 25% motorisierten Individualverkehr erreicht werden. Sehr viel ambitionierter geht es realistisch gesehen kaum.

Es geht also um eine übergeordnete Konzeption und Planung und um einen wirklichen Willen, die Mobilität in Bonn zu verändern. Man schaue sich nur zwei Radfahrer:innen im Vergleich zu einem SUV mit durchschnittlich 1,4 Personen an. Dann wird klar, um wie viel sich der Flächenbedarf reduziert, wenn das Rad genutzt wird: im fahrenden wie im ruhenden Verkehr. Es geht nicht um die Abschaffung des Autos, sondern um mehr Flächengerechtigkeit zwischen Auto, Fahrrad und Fußgänger:innen. Und um die Vision einer lebenswerten Stadt, in der man sich bequem, sicher und mit Spaß zu Fuß, mit dem ÖPNV und mit dem Fahrrad fortbewegen kann und wird. Damit würde übrigens auch genügend Raum für die unvermeidlichen Autofahrten bleiben.

Mit dem Radentscheid wollen wir erreichen, dass der Stadtrat verbindliche Beschlüsse zur Priorisierung des Themas und zu dauerhaft konsequentem Handeln trifft. Es ist an der Zeit. Daran haben wir uns bei unseren Forderungen und den Kilometern, Kreuzungsanzahlen und Mengen der Abstellplätze orientiert. Nur wenn die Infrastruktur stimmt, wird das Ziel, in der Stadt auch ohne Auto sehr gut mobil zu sein, gelingen.

Verfolgt man über längere Zeit die Ideen und Pläne, die uns Politik und Verwaltung kommunizieren, so merkt man, wie groß der Unterschied zwischen Ankündigung und Realität ist. Bonn wollte Fahrradhauptstadt 2020 sein. Bonn will Lead City sein. Bonn will bis 2035 klimaneutral sein. Warum geht es nicht voran? Eine Mitteilungsvorlage an den Ausschuss für Planung, Verkehr und Denkmalschutz vom 22.04.20 gibt vielleicht einen Hinweis: Im Bereich „Mobilitätsmanagement und Nahmobilität / Radverkehr“ sind sieben Vollzeitstellen geschaffen, von denen zwei noch unbesetzt sind und zwei gerade neu besetzt wurden. In der „Gesamtstädtischen Verkehrsplanung und ÖPNV“ sind sechs Vollzeitstellen vorgesehen, von denen nur 2,75 derzeit besetzt sind. Arbeitsfähigkeit sieht anders aus. Hinter diesen Zahlen steckt wahrscheinlich auch ein gesamtgesellschaftliches Problem. In unserer autozentrierten Nation gibt es nur wenige Professuren, die die Planung von Fahrradinfrastruktur lehren. Und die wenigen gut ausgebildeten Expert:innen werden von vielen Städten umworben. Chance haben dann nur die Kommunen, die den Mobilitätswandel wirklich wollen. Es gilt also noch ganz andere Hindernisse zu überwinden.

Umso mehr braucht es einen klaren Willen und ein deutliches Votum für eine Veränderung. Beim Sammeln der Unterschriften merkt man, dass dieser Wille bei vielen Bürger:innen da ist. Das zu zeigen, ist ein Ziel unserer aktuellen Unterschriftensammlung. Die erforderlichen 10.000 Unterschriften sind trotz Corona in sechs Wochen zusammengekommen, aber wir sammeln noch bis September weiter. Denn wir wollen ein starkes Votum für Radfahrer:innen und Fußgänger:innen in unserer Stadt abgeben und damit die Politik (ja, es ist Wahlkampf) verpflichten und die Verwaltung in der Umsetzung bestärken. Für eine Stadt, in der man atmen kann, Raum hat und gerne lebt.

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