Umsetzung

Fünf Tage Schnee in Bonn – unsere Bilanz zur Schneeräumung auf Radwegen

Fünf Tage war Bonn winterlich. Fünf Tage in denen bonnorange gezeigt hat, welche geringe Wichtigkeit dem Rad- und Fußverkehr gegeben wird. Hier ist unser Resümee.

Zur Erinnerung: An einem Mittwochmittag, Mitte Januar 2024, fing es – wie vom Wetterbericht vorhergesagt – an zu schneien und bis zum nächsten Morgen lagen 15-20 cm Neuschnee in Bonn. Mittwoch und Donnerstag fiel die Schule aus und von Mittwochabend bis Donnerstagmittag fuhr kein Bus in Bonn. Danach kamen Kälte und Sonnenschein und noch am Sonntagnachmittag standen wir zur Demonstration für Demokratie und gegen die AfD auf dem gefrorenen Schnee auf dem Marktplatz. Das waren fünf Tage Zeit für den Feldversuch „Schneeräumung“, bis ein warmer Südwind und Regen ihm ein Ende setzten.

Mit dem Radentscheid ist auch beschlossen worden, die Geh- und Radwege stets nutzbar zu halten. Zuständig dafür ist in Bonn die städtische Dienstleistungsunternehmen „bonnorange AöR“. In den letzten 2½ Jahren hatten wir verschiedene Gespräche mit Verwaltung und bonnorange darüber, wie die Radwege freigehalten werden können. Es wurden Pläne für die wichtigsten Radrouten ausgetauscht und wir hörten von Kehr- und Räummaschinen, die extra für Geh- und Radwege zur Verfügung stehen. Jetzt kam der Winter und es zeigte sich, wie bonnorange vorbereitet und organisiert ist.

Neuschnee – ruhige Stadt, leider ohne Busverkehr

Es ist klar, dass die Schneeräumung in der Zeit, in der es kontinuierlich schneit, nicht einfach ist. Meine Kollegin aus Garmisch kann das zwar nicht verstehen, aber in Bonn fehlen natürlich klimabedingt die Erfahrung und das Training mit Schnee. So ist einzusehen, dass zu Beginn des Schneefalls vorwiegend die Strecken für Rettungsdienste und Busse freigehalten werden müssen. Daher war der Mittwochabend in der Stadt in großen Teilen geprägt von gutgelaunten Fußgänger:innen, wenig Autoverkehr und den ersten Wintersportlern, die auf Langlaufski durch die Straßen fuhren. Es war – so habe ich es empfunden – ein wunderbares Anschauungsbeispiel, wie belebt und kommunikativ unsere Straßen sein können, wenn wenig Autoverkehr ist und der Raum den Fußgänger:innen fast uneingeschränkt zur Verfügung steht. Es war viel leiser, lässiger und freundlicher als normal. 

Für alte Menschen oder in der Mobilität Eingeschränkte ist das natürlich ein wirkliches Problem. Dass es zu einem Problem für alle wurde, die auf den ÖPNV angewiesen sind, gehört schon zu dem ersten großen Fragezeichen, dass wir hier aufstellen: War es bonnorange wirklich nicht möglich, die Busstrecken zu räumen und konnten die Stadtwerke nicht die langen Busse ins Depot fahren und mit den Normalbussen einen reduzierten Verkehr aufrechterhalten? Immerhin war der Wetterbericht schon Tage vorher sehr sicher, dass der Schnee kommen würde.

Tag 2 – räumen, bevor alles festfriert

Herrlich blauer Himmel und knirschender Schnee. Jetzt kam es darauf an, den noch weitgehend lockeren Schnee zu räumen, bevor das Thermometer in den Nächten sich den Minus 10°C näherte. Während die Räumung der Gehwege an vielen Stellen den Anwohnern obliegt (was auch nicht wirklich gut erledigt wurde), werden die Radwege, sofern sie nicht als Geh- und Radweg beschildert sind, von bonnorange geräumt. So sah man am Donnerstag auch immer wieder Räumfahrzeuge und auf ersten Radwegen waren schmale Spuren geräumt. Allein das System wirkte überfordert. In der Rheinaue begegnete uns ein schmales Räumfahrzeug mit angehobener Räumschaufel auf dem ungeräumten Radweg. Auf unsere Frage, warum er die Schaufel nicht runterlasse und den Schnee zu Seite schiebe, während er über den Radweg fährt, sagte der Fahrer, dies sei nicht sein Räumgebiet. An manchen Stellen schien den Fahrer:innen auch nicht klar zu sein, wo der Radweg entlangführt. So wechselte die geräumte Spur schon mal zwischen Rad- und Fußweg. Am Ende des Tages kann man sehen, dass bonnorange durchaus einige Fahrradstrecken geräumt hat. Leider sind wir aber weiterhin von einem den Ansprüchen an eine fahrradfreundliche Stadt und den gesetzlichen Bestimmungen (siehe unten) entsprechenden Winterdienst weit entfernt.

Nach fünf Tagen ist die blamable Leistung offensichtlich

Im Laufe der Tage sammelten sich in unserem Chat immer mehr Beispiele für schlecht oder nicht geräumte Straßenabschnitte, was wir in dieser Dokumentation zusammenfassen. Insbesondere der Zustand am Samstag und Sonntag, also drei oder vier Tage nach Schneefall, zeigte uns, wie unzureichend die Leistung von bonnorange war. So war schon allein die Situation auf der Kennedybrücke, die unbestritten eine extrem wichtige Verbindung mit dem Rad und zu Fuß ist, schlicht gesagt blamabel. Die geräumte Spur mäanderte zwischen Rad- und Fußweg, war kaum 2 Meter breit und für Fußgänger und 2-Richtungs-Radverkehr bei weitem zu eng. Die Verlängerung der nordseitigen Abfahrt Richtung Innenstadt in der Berliner Freiheit war komplett ungeräumt. Hier mussten die Radfahrenden auf die vielbefahrene Fahrbahn ausweichen. Und auch die wichtigen Radwege entlang des Rheins waren nicht durchgängig und wenn, dann viel zu schmal, geräumt. 

Wir suchen aktuell erneut das Gespräch mit den Verantwortlichen von Bonn Orange. Unsere Forderung lautet: Radpendlerrouten, Radhauptrouten und Fahrradstraßen gehören zu den verkehrswichtigen Straßen und müssen stets geräumt sein.

Hier die Bilder, die wir zusammengetragen haben. Schreibt uns gerne, wie eure Erfahrungen waren.

Der Tag nach dem Schneefall – Donnerstag 18.1.24

schmale Radspur auf kennedybrücke geraeumt
Brückenauffahrt Kennedybrücke am Do, 18.1.24 um die Mittagszeit. Nur eine schmale Spur ist geräumt.
Rheinufer_Oper_Bonn
Brassertufer an der Oper, 18.1.24, mittags, nur der Radweg Richtung Norden ist geräumt.
Rheinradweg Beuel nach Schneefall
Rheinradweg Beuel, 18.1.24, 14:00 Uhr, eine schmale Radspur ist geräumt.
ungeräumter Radweg nach beuel
Rheinradweg, 18.1.24, die Verbindungen ins Beueler Zentrum sind schneebedeckt
Rheinradweg am Blauen Affen, 18.1.24, 15:00 Uhr, scheinbar wusste der Fahrer beim Schneeräumen nicht, wo der Radweg weiter verläuft.
Schneeräumung Bahnradweg
Bahnradweg Straßburger Weg Richtung Nord, 18.1.24, auf dem 2-Richtungs-Radweg ist eine Spur geräumt.
Bahnradweg Bonn Richtung Süd im Schnee
Sraßburger Weg Richtung Süd, 18.1.24, auch hier ist durchgängig eine schmale Spur auf dem Radweg geräumt.
Bahnradweg UN-Campus
Westlicher Bahnradweg Bad Godesberg-Bonn, Höhe UN-Campus, 18.1.24, bleibt leider schneebedeckt
Fahrradstraße im Winter
Breite Straße, 18.1.24 13:00 Uhr, die Fahrradstraße ist schneebedeckt

Freitag, kaum Fortschritte und sinkende Temperaturen

Radweg Winterdienst Provinzialstraße Bonn
Provinzialstraße, 19.1.24, der Geh- und Radweg ist geräumt.
Friedrich-Ebert-Allee Bonn
Friedrich-Ebert-Allee Höhe Ollenhauerstr, 19.1.24, nachmittags, Straße und Gehweg sind geräumt, der Radweg ist immer noch unbenutzbar
ungeräumter Radweg an der B9
Friedrich-Ebert-Allee, 19.1.24, die Anlieger haben den Gehweg geräumt, der Radweg wartet auf bonnorange
Schnee_Konrad-Andenauer-Damm, Bonn
Konrad-Adenauer-Damm, 19.1.24, zwar ist eine Spur geräumt, die aber völlig unzureichend
Berliner Freiheit, 19.1.24, 17:00 Uhr, der Radweg an der Abfahrt der Kennedybrücke Richtung Innenstadt ist schneebedeckt
Schneematsch am Suttnerplatz
Auch das Foto vom Bertha-von-Suttnerplatz, das wir über Twitter bekommen haben, zeigt einen ungeräumten Fahrradweg

Samstag – viele wichtige Strecken warten noch darauf, geräumt zu werden

Schnee auf dem Radweg in der Endenicher Straße

Endenicher Ei, 20.01.23. Auch am Samstagabend sind der Radweg und die Umleitungsstrecke noch mit gefrorenem Schnee bedeckt. Die Unterführung nach Endenich ist nur von Mutigen mit dem Rad nutzbar und auch über die Brücke im Wiesenweg ist kein Räumfahrzeug gefahren.

Sonntag – Zeit für ein Resümee

Sonntagnachmittag steigt die Temperatur, in der Nacht kommt der Regen und der Schnee verschwindet innerhalb weniger Stunden. Vorher versuchen wir nochmal eine Runde mit dem Rad zu fahren. Aufgabe für bonnorange war es, die wichtigsten Radstrecken freizuräumen. Es dürfte kein Zweifel darüber bestehen, dass die Achse Rathausgasse und Am Hof eine sehr wichtige Verbindung ist. Am Sonntagmorgen sieht sie so aus:

schneebedeckter Radweg im Zentrum von Bonn
Am Hof, Sonntag, 21.1.24, 10:25 Uhr

Auf der Brückenrunde über Kennedybrücke, Rheinradweg und Südbrücke ist auf geschätzten 80% der Strecke eine schmale Spur geräumt, die sich Fußgänger:innen und Radfahrer:innen teilen müssen. Der Rest ist schneebedeckt. Selbst eine wichtige Verbindungen wie die zur Brückenauffahrt in Ramersdorf ist kaum befahrbar. Im Linksrheinischen fehlt die Verbindung zum Rheinradweg komplett.

Hat sich bonnorange nach dem Donnerstag noch weiter um die Radwege gekümmert?

Vergleicht man die Fotos vom Sonntag mit denen vom Donnerstagmittag – etwa unterhalb der Oper, am Blauen Affen oder an der Auffahrt zur Kennedybrücke – drängt sich der Eindruck auf, dass nach dem ersten Räumen am Donnerstag keine weitere Befahrungen stattgefunden haben.

Welche Pflichten zum Streuen und Räumen gelten für BonnOrange?

Eine Streupflicht gilt für alle verkehrswichtigen Radwege (diese sind rechtlich den Fahrbahnen zuzuordnen) genauso wie für verkehrswichtige Straßen. Das heißt, dass die Baulastträger (Kommunen oder Land) dafür Sorge tragen müssen, dass das gesamte Hauptradroutennetz im Winter regelmäßig, spätestens aber mit dem morgendlichen Berufs- und Schulverkehr, geräumt und gestreut sein muss. Diese Pflicht ergibt sich aus dem Gesetz über die Reinigung öffentlicher Straßen (StrReinG NRW). Auch aus Gründen der Verkehrssicherungspflicht und im Sinne einer nachhaltigen und umweltgerechten Mobilität ist ein verlässlicher Winterdienst auf Radwegen erforderlich.

Neben den Hauptradrouten betrifft die Räum- und Streupflicht auch alle Fahrradstraßen, Fahrradzonen und Radschnellwege. Allein durch die entsprechende Widmung als solche, müssen die Verbindungen für den Radverkehr als verkehrswichtig gelten.

Wer sich dazu weiter Informieren will, findet beim ADFC NRW eine gute Übersicht zum Winterdienst auf Radwegen

zusammengetragen von den Aktiven des Radentscheids, geschrieben von Steffen

2 Kommentare

  • Dietmar Scheele sagt:

    Ich wohne in Beuel, Johannesstraße. Nach 3 Tagen des Nicht-Schneeräumens verpasste ich meinem MTB die Spikes von 2014, da sämtliche Seitenstraßen ungeräumt blieben und schlicht spiegelglatt-vereist waren. Man kann natürlich argumentieren: da keine Fahrradwege, muss auch nicht geräumt werden. Oder gar gestreut! Nichts davon ist geschehen. Weiterhin: bis zuletzt war die Kennedybrücke miserabel und nur ganz eng geräumt, so kam es zu Engesituationen und Fast-Unfällen zwischen Radlern und Fußgängern. Richtung Bertha-von-Suttner, an der Abfahrt von der K.-Brücke, war der Radweg schlicht nie geräumt worden, man musste durch hohen, verharschten Schnee, große Sturzgefahr. Ebenfalls auf dem nie geräumten „Sicherheitsstreifen“ für Radler auf der Römerstraße (als Folge fuhren die Radler vor den Autos auf der Autospur her). Bonnorange hat schlicht Arbeitsverweigerung betrieben.

  • M. Unruh sagt:

    Welche Konsequenzen folgen aus den oben geschilderten Zuständen?
    Vermutlich keine!
    Die Verkehrswende zu fordern impliziert eigentlich auch eine adäquate
    Aufbau- und Ablauforganisation.
    Schade; wieder einmal blieb der Anspruch der OB hinter den Realitäten zurück.

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